Die Putztruppe macht Tabula rasa


Das Studententheater der Uni Hohenheim verstört und fasziniert mit George Taboris "Goldberg-Variationen"


Von Martin Bernklau, 5. Juli 2010


Da hörte der Spaß auf, damals. Vor ein paar Jahrzehnten wäre da noch der Staatsanwalt eingeschritten. Mit dem Kreuz machte man keine Scherze und duldet keine, auch keine ernsten. Jürgen von Bülows Studententheater-Truppe aber wagte sich an George Taboris bittere Groteske der „Goldberg-Variationen“, dieses theologische Welttheater. Am Abend des deutschen Fußball-Triumphes gegen Argentinien feierte ein noch überschaubares Publikum im Katharinasaal des Euroforums eine große Premiere.


Ein George Tabori darf so etwas. Als Sohn jüdisch-ungarischer Intellektueller – der Vater starb 1944 im Gas von Auschwitz - 1914 geboren und katholisch erzogen, war der Journalist, Romancier und Drehbuchautor im amerikanischen Exil Freund von Brecht, Geliebter Greta Garbos und enger Mitarbeiter von Hitchcock, im Krieg auch Reporter und Spion. Erst relativ spät wurde er zum Regisseur und Dramatiker. Triumphe feierte Tabori, der elegante alter Mann mit Stock, Schal und Hut mit seinen provokanten Stücken und als Regie-Legende an Peymanns Wiener Burgthater und in Berlin. Dort trug man ihn 2007 zu Grabe. Die „Goldberg-Variationen“ sind 1991 entstanden.


Dass Jürgen von Bülow auch die männlichen Hauptrollen, den Schöpfer- und Theater-Gott Mr. Jay samt seinem ewig schuldigen jüdischen Assistenten Goldberg, mit Frauen besetzt, das ist kein verfremdender Regietheater-Einfall. Denn der harte Kern der Hohenheimer Truppe besteht aus vier, fünf Frauen – eine besser als die andere. An diese schon weit der Laienschauspielerei enteilten Akteurinnen fügt der Leiter eine reihe von schon recht soliden Bühnenmännern an und die Gruppe seiner Neuen in kleinen und Statistenrollen. Schon das ist eine ganz großartige Leitungs-Leistung, das fantastische Ergebnis erst.


Die „Goldberg-Variationen“ sind ein Stück über ein Stück über die biblische Schöpfungsgeschichte, die Kreuzigungs-Causa Jesus, über die Verfolgung der Juden und über die Liebe zum Theaters samt seinen Kabalen, Allüren und Affigkeiten - vielschichtig, doppelbödig, anspielungsreich, parodistisch, voll Wortwitz, hohem Bibelton, absurder Komik und schwarzem Humor.


Bachs Musik-Track gibt in dieser Inszenierung eher selten den Ton vor. Zunächst wird zu Kurt Cobains Nirvana oder den steil-pathetischen Tönen Wagnerscher und Lisztscher Romantik Tabula rasa geschaffen. Eine Putztruppe räumt die Probenbühne leer. Und „Moppelchen“, die Putzfrau (als eine Art stoischer Running Gag: Marie-Luise Thein) darf noch ein wenig hinterherwischen. Denn der blasierte, zynische, diktatorische Regie-Gott Mr. Jay, herausragend gespielt von Susanne Geisel, weiß: „Eine leere Bühne ist eine Stätte der Schönheit.“ Mr. Jay scheucht mit sadistischer Herrschsucht seinen beflissenen Assistenten Goldberg (Sabine Häcker) durch die zahllosen Aufgaben einer so aufwendigen Bühnenproduktion, wie es die Erschaffung der Welt nun mal ist.


Mit seinem zickigen Star Terese Tormentina, kess und frech als gestiefeltes Kätzchen im Rüschenrock gespielt von Iris Häußermann, verbindet Mr. Jay wohl eine heiße Bettgeschichte, während die Beziehung zur exaltierten Bühnenbildnerin Ernestina van Veen, hinreißend dargestellt von Christine Binder, wohl eher mal zwischen dem Arbeits-Kampf auf einer Besetzungs-Couch „zwischen Nazareth und Novotel“ anzusiedeln ist. Dem Feuerwerk von Anspielungen und Verweisen im Text fügt die Inszenierung selber noch viele hinzu, in sorgsam-liebevollen Ausstattungs-Details wie in kleinen aktuellen Nuancierungen. Als Mosaische Getzestafeln hält Jorin Flick eine Ausgabe der Wirtschafts-Woche in den Händen. Der überfällige Beleuchter ist „wohl im Autokorso stecken geblieben“. Das ums Goldene Kalb tanzende und abgerissen durch die Wüste irrende Volk Israel sind keine „Hell's Angels“ wie in Taboris Original, sondern eine Mischung aus schwarzen Nieten-Punks und neonazistischen Skinheads in Springerstiefeln.


Das Ganze ist ein großes Spektakel, streift zwar auch den Klamauk, verfällt ihm aber nie. Und es ist harte Kost. Dem Gekreuzigten werden „ein Bombenleger und ein Kinderficker“ zur Seite gehängt. Zwei Zuschauern war soviel verzweifelte Blasphemie etwas zuviel: Sie verließen still den Saal.