In Stuttgart brannten keine Scheiterhaufen


Sillenbuch. Manfred Schmitz berichtet im Zetkin-Heim von den Bücherverbrennungen der Nazis.

Von Martin Bernklau, 9. Juni 2011.



Da fiel kein Feuer vom Himmel. Die Bücherverbrennungen der Nazis hatten eine lange Vorgeschichte. Darüber und über drei der Dichter, deren Schriften Goebbels' und Hitlers akademische Horden im Mai 1933 unter Gejohle in die Scheiterhaufen warfen, berichtete Manfred Schmitz von Attac Ostfildern am Mittwochabend im vollbesetzten Saal des Clara-Zetkin-Waldheims.


Den Titel des Abends hatte Heinrich Heine in gespenstischer Prophetie schon 1821 geliefert, in seiner frühen Tragödie „Almansor“ über die andalusische Blütezeit maurisch-muslimischer, christlicher und jüdischer Kultur und ihren Untergang in der Reconquista: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“


Manfred Schmitz stieg in die Vorgeschichte der Bücherverbrennungen mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ein. Zwar hatte die Revolution am 9. November 1918 den Kaiser und 22 weitere deutsche Monarchien hinweggefegt, aber die entstehende Weimarer Republik hatte „im Grunde keine Chance: Es war eine Republik ohne Republikaner“. Die demütigende Kapitulation im Wald von Compiègne, der harte Varsailler Vertrag, der Hungerwinter von 1920, Inflation, Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit – all das schwächte die demokratischen Kräfte und stärkte die Restauration und die Rechten, die schnell auf Rache und Revanche sannen, nach innen und nach außen. Zumal die regierende SPD der Ebert und Noske lieber die Linke bekämpfte und rechte Kräfte willfährig weithin gewähren ließ - von der Hetze gegen die „Novemberverbrecher“ und bald auch gegen Juden, bis zum Mord an Matthias Erzberger vom katholischen Zentrum, dem Unterzeichner des Waffenstillstands.


Nach Hitlers gescheitertem Putsch von 1923 waren die Nationalsozialisten schnell wieder erstarkt und hatten schon 1931 in den sogenannten Boxheimer Dokumenten geplant, wie eine – gewaltsame – Machtergreifung ablaufen sollte. Der Autor: Werner Best, neben Reinhard Heydrich der Vordenker des NS-Polizeistaats und der späteren „Säuberungen“ in eroberten Gebieten. Der Kriegsverbrecher starb übrigens weitgehend unbehelligt erst 1989. Auch der „totalitäre Durchmarsch gegen Kunst, Kultur und Literatur“, so Manfred Schmitz, lief dann nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wie geplant ab. Binnen Wochen waren die wichtigsten Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen auf den „Schwarzen Listen“ verhaftet, in die flugs errichteten Konzentrationslager verschleppt, ausgebürgert oder gar ermordet worden, in die Emigration oder manche auch - früher oder später – in den Freitod gegangen.


Die penibel geplante Nazi-Aktion im Frühjahr 1933 begann mit der Plakatierung von zwölf Thesen „Wider den undeutschen Geist“. Es folgte ein Boykott missliebiger Professoren. Studentische „Kampfausschüsse“ organisierten die „Büchersammlungen“ , also die „Säuberung“ privater und öffentlicher Bibliotheken von Büchern jüdischer, linker, liberaler und pazifistischer Autoren, von „zersetzendem Schrifttum“. Sie errichteten an den Universitäten meterhohe „Schandpfähle“, an die Bücher von Kurt Tucholsky, Stefan Zweig oder Vicky Baum und vielen anderen genagelt wurden.


Auch dieser 10. Mai 1933, die Nacht der Bücherverbrennung, war so exakt organisiert wie Jahre später die „Reichskristallnacht“ gegen die Juden. „Es hat zwar geregnet“, fand Manfred Schmitz heraus. Aber nach zahllosen Fackelzügen und einer Rede von Joseph Goebbels am Berliner Opernplatz wurden in 22 deutschen Städten um 23 Uhr die Scheiterhaufen entzündet. Zahllose weitere Städte folgten dem Beispiel im Verlauf des Jahres. Gegen den strömenden Regen half in Berlin die Feuerwehr mit Benzin nach. Mit sogenannten „Feuersprüchen“ wurden die verfemten Bücher hineingeworfen: „Gegen Klassenkampf und Materialismus... für Volksgemeinschaft...Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Karl Marx....“, brüllten die Antreiber. In Stuttgart übrigens, auch an den Universitäten von Tübingen und Singen, brannten keine Bücher. Der württembergische Studentenführer Gerhard Schumann und Ministerpräsident und Kultminister Christian Mergenthaler, beides stramme Nationalsozialisten, verweigerten sich dem Fanal und untersagten die geplante Aktion.


Zu den 94 „verbrannten Dichtern“ zählten auch die kurz vor der Jahrhundertwende geborenen Erfolgsautoren Erich Kästner und Lion Feuchtwanger. Nicht dabei war der widerständige Bayer Oskar Maria Graf. Der forderte vom freien Wien aus die Nazis höhnisch auf: „Verbrennt mich!“. Sie holten es nach. Manfred Schmitz skizzierte noch die Lebenswege und das Werk dieser drei Verfemten, die das Dritte Reich überlebten.



Schwäbischer Sturm und Drang


Sillenbuch. Robert Bärwald widmet sich in der Luther-Gemeinde auch dem Musiker Christian Schubart.

Von Martin Bernklau, 12. Mai 2011

Jedes Schwabenkind kennt ihn als prominentestes Opfer herzoglicher Willkür, als den Freigeist, Poeten und Publizisten, den Carl Eugen in seinen Tyrannenjahren in der Festungshaft auf dem Hohenasperg schmachten ließ. Aber Christian Friedrich Daniel Schubart war mehr als das. Den Musiker, den Organisten und Komponisten Schubart stellte der Pianist Robert Bärwald gestern bei der gut besuchten „Begegnung am Vormittag“ im Saal der Sillenbucher Martin-Luther-Gemeinde vor.

Geboren im Jahr 1739 im Hällischen und aufgewachsen auf der Ostalb, hatte der begabte Lehrer- und Theologensohn Schubart seine frühen Jahre etwas unstet zwischen Aalen, Nördlingen und Heidenheim, nach einem Abstecher gen Nürnberg schließlich in Geislingen zugebracht, wo er eher lustlos als Schulmeister, Prediger und Organist wirkte. Seine lose Zunge und seine spitze Feder sind in Spötteleien und Sarkasmen über dieses fromme Dasein überliefert.

Der Herzog selber berief ihn im Jahr 1769 als Musikdirektor an seinen Ludwigsburger Hof, wiewohl sein Leumund als „Brauskopf und gewaltiger Trinker, Spaßvogel und genialer Unterhalter“ nicht der beste gewesen sein muss. Schnell verdarb er es sich durch unstatthafte Liebschaften, mehr noch mit kecken Reden etwa mit seinem vorgesetzten Dekan Zilling, aber auch mit vielen Hofschranzen.

„Auch später hat er sich Feinde geschaffen, wo es nur ging“, fasste Robert Bärwald zusammen. Anschaulich zitierte er aus Aufzeichnungen jener württembergischen „Kirchenkonvente“, die über die streng kujonierten Gläubigen wachten. Nicht nur das „Zusammenschlupfen unverheirateter Paare“ ahndeten sie mit drakonischen Strafen, auch „Schwätzer und Schläfer“ verfolgten die Büttel gnadenlos. Während der Gottesdienste mussten ihnen für Kontrollen die Hausschlüssel ausgehändigt werden. Aber der weltliche Herrscher Herzog Carl Eugen höchstpersönlich verfügte per Erlass schließlich den Rausschmiss des liederlichen und unbotmäßigen Schubart aus der Residenz - und aus seinen Landen.

Für den Exilierten begannen Wanderjahre zwischen Mannheim und München, die erst in Augsburg ein vorläufiges Ende fanden, wo er als Journalist die sogar über Deutschland hinaus erfolgreiche „Teutsche Chronik“ gründete und dieses freiheitliche Kampfblatt gegen Jesuiten und Obrigkeiten aller Art meist mit eigenen Polemiken vollschrieb. Die fortdauernden Majestätsbeleidigungen veranlassten der württembergischen Herrscher schließlich, den Exilierten nach Blaubeuren locken und dort zu verhaften zu lassen. Ohne Anklage, ohne Prozess wurde an dem „deutschen Voltaire“ ein Exempel statuiert. Nach einem Jahr strenger Isolationshaft auf dem Asperg begann durch den bekannten Dekan Zilling und den Festungskommandanten Oberst Rieger eine Umerziehung, die Bärwald eine „Gehirnwäsche dieser Leuteschinder“ nannte.

Obwohl der Staatsgefangene Schubart nach Eingaben Goethes, Schillers oder des badischen Markgrafen die letzten seiner zehn Haftjahre „in einer Art offenem Vollzug“ verbringen, dabei dichten und schreiben, musizieren und unterrichten durfte, kam er als gebrochener Mann in die Freiheit, aber aß – nach einem Triumphzug durch seine Wirkungsstätten - sein Gnadenbrot sogar wieder als Hofpoet und Musicus in Stuttgart.

Von den dann veröffentlichten Werken spielte Bärwald mit geläufiger Brillanz 13 Variationen über ein Liebeslied und eine viersätzige Klaviersonate. Wunderbar virtuose, einfallsreiche Gebrauchsmusik, laut Schubart voll „Unschuld, Einfalt und Kindersprache“, jedenfalls sprühend von improvisatorischer Spielfreude: Sturm und Drang auch auf dem Klavier. Schubart starb im Jahr 1791 an „Schleimfieber“, 52-jährig. Anfang Juni widmen ihm die Universitäten Stuttgart und Tübingen ein Symposion, an dem Bärwald teilnimmt.