Die Stunde Null


Von Martin Bernklau


Eine große Gestalt der Kunstgeschichte wohnte in den letzten Lebensjahren in Degerloch. Nun soll die einstige Villa von Adolf Hölzel auf der Waldau ein Ort der Forschung und der Begegnung werden. Der Bezirksbeirat hat den Plänen der Adolf-Hölzel-Stiftung wie berichtet einhellig seine Unterstützung zugesagt. Aber noch fehlt das Geld, um das Erbe dieses Wegbereiters der Moderne zu erhalten. Am heutigen Freitag (13. Mai 2011) ist der 158. Geburtstag von Adolf Hölzel.

Die Villa liegt etwas verwunschen hinter hohen Hecken, seit Doris Dieckmann, die Enkelin von Adolf Hölzel, vor einem Jahr starb. Eine riesige schwarze Dogge und die Pflegefamilie für die alte Dame hüten das Haus. „Hier“, schwärmt der Kunsthistoriker Daniel Spanke, Kurator beim Kunstmuseum Stuttgart, „ist ein Hotspot der Kunstgeschichte Süddeutschlands, ja eigentlich Europas.“

Denn hier, in der einstigen Panoramastraße mit damaligem Blick aufs alte Degerloch, lebte und starb der vielleicht sogar bedeutendste, sicherlich aber einflussreichste Maler, der mit der heuer 250-jährigen Geschichte der Stuttgarter Kunstakademie verbunden ist. Hier diskutierte der bald so genannte Hölzel-Kreis von Schülern wie Willy Baumeister, Oskar Schlemmer, Max Ackermann, Maria Lemmé oder Ida Kerkovius die Wege in die Moderne, hier waren Künstler wie Klee und Kandisky zu Gast.

Gemeinhin gilt Wassily Kandinsky als der große Revolutionär der Kunst: Im Jahr 1910, das zu einer Stunde Null stilisiert wurde, soll er das erste abstrakte Bild der Welt gemalt haben, „Das Jüngste Gericht/Komposition V“. Aber die Kunsthistoriker wissen es besser. Schon im Jahr 1905, als er an die Königliche Akademie in Stuttgart berufen wurde, schuf Adolf Hölzel seine programmatisch abstrakte „Komposition in Rot“, die heute in Hannover hängt, im Sprengelmuseum. 1919 mobbten die reaktionären Gegner den bescheidenen, bei seinen Schülern aber nicht zuletzt wegen seiner pädagogisch offenen, toleranten Art äußerst beliebten Adolf Hölzel aus der Akademie. Bis zu seinem Tod im Jahr 1934 lebte und lehrte er als freier Künstler in seinem durchaus noblen Degerlocher Haus, das er 1918 erworben hatte. Dort befasste er sich später vorwiegend mit Pastellmalerei und Glaskunst. Hölzel hat unter anderem die Fenster des neuen Stuttgarter Rathauses geschaffen.

Nachdem Adolf Hölzel, 80-jährig einem Schlaganfall erlegen, auf dem Waldfriedhof zu Grabe getragen worden war, vermietete sein einziger Sohn Hugo dieses Haus. Nach dem Krieg aber kehrte seine Familie wieder dorthin zurück. Doris, die Enkelin des Künstlers, übernahm dann die Villa und lebte darin, bescheiden wie ihr Großvater und umgeben von dessen wohlgehütetem Nachlass an Bildern, Briefen und Schriften. Sie privatisierte, war zweimal verheiratet. Gelegentlich verkaufte sie ein Werk des Großvaters.

Walter Pöhler erinnert sich noch ganz genau: Als kunstsinniger junger Maschinenbau-Ingenieur hatte er 1963 für 250 Mark eine erste Grafik von Adolf Hölzel erworben. Von da an erkor er den in der Kunstgeschichte weit unter Wert gehandelten Wegbereiter der Moderne zu seiner liebsten Nebenbeschäftigung. Über seine Frau Eleonore, die für die Künstlergilde Esslingen tätig war, lernte Pöhler bald die kinderlose Enkelin kennen, die in ihren späten Jahren froh war über diese Freundschaft mit Familienanschluss. 2005 wandte sich sich vor allem an ihn, um das Erbe ihres Großvaters in eine Adolf-Hölzel-Stiftung zu überführen.

Das war zwar ein Erfolg und ein Segen für den damals 65-jährigen Adolf Hölzel, der wenig später für seine auf Goethes Farbenlehre fußenden Theorien und für seine „Verdienste um die neuzeitliche Malerei“ von der Technischen Hochschule Aachen auch mit einem Ehrendoktor-Titel gewürdigt wurde. Es war aber auch ein kleiner Fluch für seinen Nachruhm. Denn durch die Aufkäufe der niedersächsischen Industriellen, so erklärt Daniel Spanke, war praktisch das gesamte Schaffen des Künstlers „vom Markt“. Sein Rückzug ins Private und die Anfeindungen der verständnislos rückwärtsgewandten akademischen Kollegen taten ein Übriges, dass der große Neuerer nie den Platz in der Kunstgeschichte bekam, der ihm eigentlich gebührt hätte.

Das will die Adolf-Hölzel-Stiftung zumindest ein klein wenig ändern. Im März 2010 ist Doris Dieckmann gestorben, die Stiftung wurde zur Erbin von Nachlass und Haus. Ein Jahr der Pietät lang hat die Stiftung dieses Erbe nun ruhen lassen, von ein paar kleinen Veranstaltungen und von einer Sicherung des schriftlichen Nachlasses abgesehen, ist im Haus von Adolf Hölzel alles geblieben, wie es die Enkelin hinterlassen hat. Doch nun sieht die Stiftung ihre Stunde Null gekommen.

„Noch ist alles möglich“, sagt Vorstand Walter Pöhler über die Zukunft des Hauses. Im Degerlocher Bezirksbeirat und bei Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold stieß die Stiftung auf einhelliges Entgegenkommen. Alle Fraktionen bekundeten in seltener Einmütigkeit ihren Willen, den Erhalt der Villa als bedeutendem Ort der Kunstgeschichte zu unterstützen. Nur verfügt der Bezirk nicht über das nötige Geld. Daniel Spanke sieht auch eher die Stadt Stuttgart in der Pflicht und hofft zugleich auf Sponsoren.

Selbst für ein kleines Museum, so der Kunsthistoriker und erfahrene Ausstellungsmacher, ist das Haus an der Ahornstraße nicht geeignet. Es fehlt an Platz, an Parkmöglichkeiten und an einer verkehrsgünstigen Lage. Die Vorstellungen der Hölzel-Freunde gehen eher in eine andere Richtung. Das Haus soll einerseits zu einer Forschungsstätte werden, andererseits mit kleinen Veranstaltungen, Lesungen, Seminaren vielleicht auch Führungen oder Malkursen für Kinder das Erbe eines großen Künstlers lebendig halten, der übrigens auch ein Dichter war.

In seinem Nachlass findet sich neben den theoretischen Schriften auch Lyrik, zum Beispiel dadaistische Gedichte. Auch darin war Adolf Hölzel ganz dem Neuen, dem Experiment, der Zukunft zugewandt. Ein großer Teil seiner höchst bedeutenden kunsttheoretischen Schriften ist inzwischen im Besitz der Staatsgalerie Stuttgart. Dort harrt er, wie das Material in der Villa Hölzel, noch weitgehend auf eine systematische Archivierung und Auswertung. Allerdings beginnt auch die Arbeit der Stiftung schon wissenschaftliche Früchte zu tragen.

Drei Dissertationen – sogar eine Habilitationssschrift in Regensburg, wohin auch viele Hölzel-Werke gelangt sind – befassen sich mit dem aus dem mährischen Olmütz stammenden Maler, der in Wien und München studiert hatte, führender Kopf der dortigen Sezessionen und der Dachauer Künstlerkolonie war, bevor er in relativ späten Jahren seinen ganzen Einfluss in Stuttgart entfaltete. Dieser Einfluss reichte, vor allem über die Schüler Johannes Itten und Oskar Schlemmer, bis zum Bauhaus in Weimar und Dessau, diesem Mekka der Moderne, das ohne Hölzel für den Kunsthistoriker Daniel Spanke „gar nicht denkbar ist“.

Der Stiftungsvorsitzende Walter Pöhler und Kurator Daniel Spanke sitzen über Plänen eines Arbeitszimmers im Erdgeschoss der Villa für eine wissenschaftliche Stelle, die bereits ausgeschrieben ist. Für einen Flyer suchen sie in den Stahlschränken mit dem papierenen Nachlass eine passende Fotografie des Malers. Der Auftakt einer Lesereihe war in der Staatsgalerie, die nächsten Veranstaltungen in Nürtingen, im Stuttgarter Kunstmuseum, der Staatsgalerie und der Landesbibliothek sind terminiert. Die Stunde Null ist da. Es geht voran.