Cholesterin oder Der eingebildete Kranke

von Martin Bernklau, 20. Juni 2011


Es gibt gute Tage. Es gibt schlechte Tage. Und es gibt Tage wie diesen: den bundesweiten „Tag des Cholesterins“. Die „Lipid-Liga“ feierte ihn am 17. Juni, jenem Tag, an dem man früher für die deutsche Einheit ins Grüne fuhr. Die „Lipid-Liga“, eine reiche und feine Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselkrankheiten, hat auch allen Grund zum Feiern.
Dazu eine kleine Geschichte aus dem Freundeskreis, die Geschichte des Computerfachmanns Bernhard, der zum Opfer des „bösen Cholesterins“ (LDL) wurde.

Bernhard war ein sportlicher Familienvater, rauchte und trank nicht, war immer schlank und ernährte sich gesund. Manchmal arbeitete er ein bisschen viel. Als Kind hatte man ihm den Blinddarm rausgenommen. Ganz selten zwang auch ihn mal eine Grippe ins Bett. Eigentlich war er vollkommen gesund – bis dem Arzt bei einer Routine-Untersuchung ein deutlich erhöhter Cholesterinspiegel auffiel.

Bernhard, immer bestens informiert, fürchtete Herzinfarkt, Schlaganfall und Arteriosklerose. Zielstrebig und willensstark wie er war, stellte er seine Ernährung radikal um. Butter und Eier hat er seither nie mehr gegessen, er mied tierische Fette, wo er nur konnte, und schleppte überallhin vorsorglich seine Diät-Margarine mit. Nur: Der Cholesterinspiegel sank nicht. Er stieg sogar weiter an.

Beschwerden hatte Bernhard zwar nicht, aber ihm wurde immer mulmiger. Schließlich verschrieb ihm sein Arzt einen Cholesterin-Senker. Den nahm er seither gewissenhaft, jahrelang inzwischen. Dass er nervöser wurde, gereizter und vergesslicher, wie seine Frau behauptete, stritt er erstens ab und schob es zweitens auf die berufliche Belastung. Seit er nun pensioniert ist, gibt er dem Alter die Schuld.

Cholesterin ist eine Substanz, die der Körper überwiegend selber bildet. Sie ist wichtig für die Struktur und die Funktion der Zellmembran und spielt vor allem beim Aufbau von Gehirn und Nervensystem eine bedeutende Rolle. Muttermilch hat einen besonders hohen Cholesterin-Anteil.

Seit Ende der 50er-Jahre die Behauptung aufkam, cholesterinreiche Ernährung führe zu Gebrechen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Verkalkung, hat sie sich fest ins Bewusstsein der Menschen und der Ärzteschaft eingegraben. Dafür wurde auch Einiges getan. Dabei kann längst als gesichert gelten, dass die Ernährung allenfalls einen ganz geringen Einfluss auf den Cholesterinspiegel im Blut hat.

Auch die Schädlichkeit des Cholesterins im Blut überhaupt wurde zunehmend angezweifelt. Die Cholesterin-Lobby sah sich gezwungen, ein „gutes“, schweres (HDL) und ein „böses“, leichtes Cholesterin (LDL) zu unterscheiden. Auch bei dieser These ist die Forschung uneins. Bewiesen ist definitiv nichts, auch das Gegenteil nicht.

Aber schon 2004 machte der amerikanische Marktführer Pfizer („Viagra“) allein 12 Milliarden Dollar Umsatz mit Cholesterin-Senkern. Inzwischen sollen in den hochentwickelten Industrieländern mehr als 25 Millionen Menschen solche Präparate einnehmen. Dabei haben sie Nebenwirkungen. Beeinträchtigungen von Gedächtnis und Konzentration sind häufig. Im Jahr 2001 musste Bayer seinen Cholesterin-Senker „Lipobay/Baycol“, ein Statin, weltweit vom Markt nehmen, nachdem er allein in Deutschland mit sieben, weltweit mit 52 Todesfällen in Verbindung gebracht wurde. Es gab kein Nachfolge-Präparat, aber Sammelklagen. Für Bayer brach ein Jahresumsatz von zuletzt 1,2 Milliarden Euro weg.

Bayer gehört auch nicht mehr zu den Sponsoren der „Lipid-Liga“, die wenig später den ersten „Tag des Cholesterins“ ausrief. Dafür die ganze übrige Gilde führender Hersteller von Cholesterin-Senkern, auch Pfizer. Dazu unter anderem auch ein Hamburger Großkonzern, der ganze Produktreihen von fett- und kalorienreduzierten und cholesterinarmen Lebensmitteln herstellt, die man essen „darf“. Unter anderem auch jene Diätmargarine, die Bernhard mit sich schleppt, wohin er auch geht.

Die unter Ärzten, Pharmazeuten und Forschern aber auch unter vielerlei Prominenten von Uwe Seeler bis Rita Süßmuth für ihre Großzügigkeit bekannte „Lipid-Liga“ veranstaltet im kommenden März den „5. Deutschen Atherosklerosekongress“. Der Tübinger Physiologe Prof. Helmut Heinle, Sekretär der mit der „Lipid-Liga“ eng verbandelten „Deutschen Gesellschaft für Arterioskeloreforschung“ lädt mit ein.

Es wird den Gästen da an nichts fehlen.




EHEC - ein öffentlicher Erreger

von Martin Bernklau, 7. Juni 2011


Die Ehec-Lage in Tübinger Kliniken, Stand Dienstagabend: Drei Fälle, alle stabil, ein inzwischen Genesener ohne schwere Symptome. Zwei Patienten kamen aus dem Kreis Reutlingen, einer aus Rottweil, einer vom Bodensee. Alle waren sie nach Aufenthalten in Norddeutschland erkrankt. Dort allerdings sind Kliniken angesichts der Seuche nahe am Kollaps. Dabei zählen die ernsten Ehec-Fälle mit HUS-Komplikation noch im unteren Hunderter-Bereich.

Eigentlich war es Jacke wie Hose, gehupft wie gesprungen. Eigentlich haben sie alles nur falsch machen können mit dem Ehec-Erreger, „die Behörden“.

Nun haben sie gewarnt und Schlimmes angerichtet. Die spanischen Gemüsebauern sind völlig zu Recht empört darüber, zu Unrecht als Auslöser der Durchfall-Epidemie gebranntmarkt worden zu sein. Man stelle sich nur mal das Geschrei hier vor, wenn China oder die USA – und auch noch zu Unrecht! - vor dem Kauf deutscher Autos gewarnt hätten...

Aber auch deutsche Bauern von der Reichenau und anderswo kippen jetzt mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch ihre einwandfreien Gurken und unbedenklichen Tomaten in den Müll oder pflügen ihren frisch gesprießten Salat gleich wieder unter.

An dem Bio-Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel bei Lüneburg, der wegen seiner Sprossen aus gutem Grund ins Visier der Quellerforscher kam, war auch nichts, rein garnichts auszusetzen.

Selbst wenn der Erreger – über befallenes Saatgut oder kontaminiertes Wasser – doch von dorther gekommen sein sollte, hatte sich der Betreiber wohl nichts zuschulden kommen lassen, die Standards eingehalten und hygienisch einwandfrei gearbeitet. Wobei es schon stimmt, dass Sprossen zwar ein supergesundes und köstliches Lebensmittel sind, aber wegen der feuchtwarmen Keimbedingungen eben auch bakteriellen Keimen besten Nährboden bieten.

Auf den Fildern in Bonlanden gibt es einen Sprossen-Produzenten, für den das auch gilt. Die seit Jahren boomende Firma „Keimland“ dürfte ruiniert sein, obwohl sie nachweislich sauber und Ehec-frei ist. Denn ein derart total zusammengebrochener Markt erholt sich bei Lebensmitteln nie mehr richtig. Die Kunden kommen gegen ihre unbewusste Angst nicht an, selbst wenn sie das wollten. Sie lassen fortan die Finger von Sprossen.

„Wer soll das bezahlen?“, heißt es jetzt allenthalben europaweit. Es geht um Millionensummen und um dauerhaft vernichtete Existenzen. Das Traditionslokal in Lübeck, das Golfhotel in der Lüneburger Heide – schwer geschädigt, womöglich auch ruiniert. Auf eine halbe Milliarde Euro werden die Ehec-Schäden schon geschätzt. Aber es ging und geht auch auch um Gesundheit und um Menschenleben.

Vieles mag am Krisenmanagement „der Behörden“ auszusetzen sein. Man wird auch lernen aus dieser Ehec-Krise, etwa was Kompetenzen, Koordination und schnelles Eingreifen angeht. Der Schreck der Wissenschaftler über das gefährlich mutierte Minimonster wird vorhalten. Vielleicht schärft Ehec das Bewusstsein für den jahrzehntelangen fahrlässigen Umgang mit Antibiotika, der aus Feld-, Wald- und Wiesenkeimen wie Staphylococcus aureus oder Escherichia coli resistente Zeitbomben, Streubomben gemacht hat.

Schon eine relativ kleine Epidemie macht deutlich: Es gibt da kaum Reserven. Die Ökonomisierung und der Sparzwang im Gesundheitssystem kennen keine überraschenden Lagen wie Ehec, dieses heimtückische neue Durchfall-Bakterium von immer noch rätselhafter Herkunft.Es war 2008 eine der ersten Amtshandlungen des frisch gewählten grünen Tübinger Oberbürgermeisters, symbolkräftig, publikumswirksam und handfest. Boris Palmer schraubte im Rathaus eigenhändig eine Glühbirne heraus und ersetzte sie durch eine Energiesparlampe. Rund 3000 Lampen sollen allein bei der Stadtverwaltung sofort ausgetauscht worden sein.




Das Gift aus der Lampe

von Martin Bernklau, 19. April 2011

Es war 2008 eine der ersten Amtshandlungen des frisch gewählten grünen Tübinger Oberbürgermeisters, symbolkräftig, publikumswirksam und handfest. Boris Palmer schraubte im Rathaus eigenhändig eine Glühbirne heraus und ersetzte sie durch eine Energiesparlampe. Rund 3000 Lampen sollen allein bei der Stadtverwaltung sofort ausgetauscht worden sein.

Der Birnentausch ging als eine der zentralen Aktivitäten der Klimaschutz-Kampgne „Tübingen macht blau“ flächendeckend weiter. Rund 50 Euro sollten im Laufe eines solchen Lampenlebens an Stromkosten gespart werden können. Da merkt der Schwabe auf.

Es sprach damals also alles für die Anschaffung. Nein, schon damals nicht ganz.

Das kalte, fahle, diffuse Zwielicht, das die Sparer absonderten, war schon etwas gewöhnungsbedürftig, selbst wenn die Hersteller bald an der sogenannten Lichttemperatur schraubten. Auch diese Vorlaufzeit – bis zur Erleuchtung überhaupt, dann auch bis zur vollen Strahlkraft – erforderte zunächst eine gewisse Nachsicht.

Ein kleineres Problem war die Gestalt dieser gestauchten, gefalteten Neonröhren. In den meisten der Lampenschirme wirkten sie mit heraushängender Länge nicht gerade stylish, fast ein bisschen pimmelig obszön. Egal. Die Industrie kürzte nach Kräften. Man tauschte Lampenschirme aus. Man zeigte seine ökologische Korrektheit auf Kosten des guten Geschmacks vielleicht sogar vor, achselzuckend.

Bedenklicher war, was unter Umweltbewussten und Klimaschützern gar nicht laut gesagt werden durfte: Die Dinger enthielten und enthalten nicht unerhebliche Mengen des hochgiftigen Quecksilbers. Schamhaft mahnte das Umweltbundesamt später zur Vorsicht – etwa in Kinderzimmern. Die Entsorgung kann bis heute auf kein wirklich flächendeckend funktionierendes System verweisen - im Gegensatz zu den Batterien, die seit Jahr und Tag schwermetallfrei sind, aber immer noch brav wie Giftmüll zurückgenommen werden.

Mir selber stieg noch etwas anderes in die Nase, nachdem ich am Ess- und Leseplatz eine Energiesparlampe eingeschraubt hatte: Sie stank. Befragte Öko-Experten erklärten das für „unmöglich“. Die Dinger müssten per Definition dicht sein. Allenfalls eine bald abdünstende Außenbeschichtung sei denkbar. Auch meine Idee, dass dieses fahle Licht dann womöglich die Luft ionisiere, also elektrisch auflade, überhaupt Elektrosmog verbreite, wurde für Unfug erklärt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Dinger sind gut - und damit basta.

Nun stellt sich heraus: Sie sind es nicht. Der NDR hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, deren eigentlich besorgniserregende Ergebnisse niemand anzweifelt. Der Geruch rührt von Phenolen her, die als ebenso krebserregend gelten wie die gleichfalls ausgedünsteten Stoffgruppen Styrol und Naphthalin. Als mindestens reizend gelten Toluol, Xylol und Aldehyde, die ebenfalls ausgasen. Noch ist nicht klar, woher sie kommen. Aus Elektronikbauteilen und Verklebungen im Lampenfuß, wird vermutet. Nix Genaues weiß man nicht.

Aber das Amt und die ersten Umweltschutz-Organisationen wie Greenpeace wiegeln ab. Das sei noch nicht bedenklich, die Konzentrationen „vernachlässigbar gering“, eine Gesundheitsgefahr bestehe nicht. Diese heuchlerischen Beschwichtigungen erinnern fatal an das, was profitgierige Unternehmen bei vergleichbar bedenklichen Produkten und nach Umweltskandalen verlautbaren lassen. Sie erinnern fatal an das, was der Atomindustrie bis heute völlig zu Recht vorgeworfen wird: Die Gefahren werden sträflich verharmlost, die Müllfrage ist nicht im geringsten geklärt und gelöst.

Ich hatte übrigens nach ein paar Wochen genug von dem Gestank und schraubte die Energiesparlampen raus. Sie wurden zur Außenbeleuchtung verbannt und funzeln nun an der frischen Luft, auf dem Balkon. Ökologisch opferbereit lasse ich mich an den Hauptplätzen nun von noch sparsameren LED-Lampen bescheinen, mit noch kälterem, noch härterem Licht. Das sind jene Lampen, von denen die Industrie nach ihrer Einführung in Autoscheinwerfern auch steif und fest behauptete, sie blendeten nicht, das sei wissenschaftlich erwiesen. Dabei weiß jeder Autofahrer: Und sie blenden doch.

Aber sie stinken nicht.